Zwischen Geschichte und Gegenwart – Erasmus-Schülerinnen entdecken französisches Kulturerbe in Istanbul
Wir – Ina, Lilly Lou und Maya – hatten gemeinsam mit Frau Susur die besondere Möglichkeit, im Rahmen unseres Erasmus-Projekts nach Istanbul zu reisen und dort das französische Kulturerbe dieser faszinierenden Metropole aus nächster Nähe kennenzulernen. Schon nach kurzer Zeit wurde uns bewusst, dass sich französische Einflüsse nicht nur in historischen Bauwerken, sondern auch im lebendigen Alltag der Stadt widerspiegeln. Zwischen Tradition und Moderne eröffneten sich uns zahlreiche Eindrücke, die unsere Sicht auf Europa und seine kulturellen Verbindungen erweiterten.
Ein Höhepunkt unserer Reise war der Besuch des traditionsreichen Lycée Saint Benoît, das seit Jahrhunderten als lebendiges Symbol der osmanisch-französischen Freundschaft gilt. Die Schule wurde bereits im Jahr 1583 von Jesuiten gegründet und verbindet bis heute auf beeindruckende Weise historische Wurzeln mit einem modernen Bildungsverständnis. Schon beim Betreten des Schulgeländes spürten wir eine besondere Atmosphäre: historische Gebäude, gepflegte Innenhöfe und eine offene, internationale Schulgemeinschaft, in der französische Sprache und Kultur selbstverständlich zum Alltag gehören.
Während unseres Aufenthalts wurden wir herzlich empfangen und von einer französischen Lehrerin durch die Schule geführt, die sich ausschließlich auf Französisch mit uns unterhielt. Diese Begegnung machte deutlich, wie selbstverständlich Mehrsprachigkeit hier gelebt wird. In Gesprächen mit Schülern, die fließend Französisch sprachen, entstand schnell ein intensiver Austausch über Schule, Kultur und gemeinsame Interessen. Besonders eindrucksvoll war das Auditorium, in dem einige Schüler musikalische Beiträge auf Klavier und Gitarre präsentierten und damit die kreative Seite des Schullebens sichtbar machten. Gemeinsam mit der Schulgemeinschaft führten wir außerdem Gespräche über zukünftige Kooperationen und entwickelten erste Ideen für kommende gemeinsame Projekte, die unsere Schulen auch über diese Reise hinaus miteinander verbinden sollen. So wurde unser Besuch nicht nur zu einem kulturellen Erlebnis, sondern auch zu einem wichtigen Schritt für eine langfristige Zusammenarbeit im europäischen Austausch.
Am nächsten Tag durften wir an der feierlich gestalteten Zeugnisausgabe teilnehmen – ein Ereignis, das an dieser Schule mit großer Wertschätzung für Gemeinschaft und Kreativität begangen wird. Eine Schülerband sorgte mit verschiedenen Instrumenten für musikalische Einlagen und verlieh der Veranstaltung eine festliche, beinahe familiäre Atmosphäre. Für uns war es beeindruckend zu sehen, wie sehr Kunst, Musik und Zusammenhalt Teil der schulischen Identität sind. Das Lycée Saint Benoît hinterließ bei uns einen bleibenden Eindruck und zeigte eindrucksvoll, wie lebendig französische Bildungskultur auch außerhalb Frankreichs sein kann.
Ein weiterer wichtiger Programmpunkt war der Besuch der Basilika St. Antonius auf der belebten İstiklal-Straße. Die Kirche ist ein bedeutendes Zeugnis des katholischen und damit auch des westeuropäischen – insbesondere französischen – Einflusses in Istanbul. Sie entstand in einer Zeit, in der viele europäische Gemeinschaften, darunter auch Franzosen, in der Stadt lebten und ihren Glauben frei ausüben konnten.
Die Basilika diente über viele Jahre als religiöser und kultureller Treffpunkt für katholische Christen aus Europa und steht bis heute für die lange Präsenz westlicher, auch französisch geprägter Gemeinschaften im Osmanischen Reich. Dass sich eine so bedeutende katholische Kirche mitten im Zentrum Istanbuls befindet, verdeutlicht die kulturelle Vielfalt der Stadt und ihre Rolle als Brücke zwischen Europa und dem Orient. Für uns war der Besuch besonders eindrucksvoll, da er zeigte, wie tief europäische und französische Einflüsse in der Geschichte Istanbuls verankert sind.
Ein wichtiger Eindruck, den wir bei unserem Spaziergang durch Beyoğlu gewonnen haben, war die starke französische Architektur, die dort überall sichtbar ist. Besonders entlang der İstiklal-Straße und in den umliegenden Gassen begegneten uns Gebäude im europäischen Stil, deren kunstvoll verzierte Fassaden, elegante Balkone und große Fenster an eine Zeit erinnern, in der französische Architekten und Diplomaten das Stadtbild prägten. Beim Schlendern durch die Straßen entstand das Gefühl, zwischen verschiedenen Epochen zu wandern – ein lebendiges Zeugnis der internationalen Geschichte Istanbuls.
Passend dazu war es spannend zu erfahren, dass Französisch einst die wichtigste Diplomatensprache der osmanischen Elite war. Durch die intensiven politischen und wirtschaftlichen Kontakte mit Europa entwickelte sich die französische Sprache zu einem zentralen Mittel des Austauschs. Französische Schulen, kulturelle Einrichtungen und diplomatische Netzwerke trugen maßgeblich dazu bei, dass Französisch im Osmanischen Reich einen hohen Stellenwert in Bildung und internationaler Kommunikation einnahm.
Ein Beispiel für diese bis heute lebendige Verbindung ist das Institut français, ein kulturelles Zentrum, das die französische Sprache und Kultur in Istanbul fördert. Dort finden Sprachkurse, Ausstellungen, Filmabende und zahlreiche Veranstaltungen statt, die Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenbringen. Für uns wurde deutlich, dass dieser Ort nicht nur ein Kulturinstitut, sondern auch eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist.
Das Hotel „Pera Palace“ beeindruckte uns vom ersten Moment an. Es wurde Ende des 19. Jahrhunderts für die Gäste des berühmten Orient-Express erbaut, der Paris mit Istanbul verband. Beim Betreten der Eingangshalle hatte man das Gefühl, in eine andere Epoche einzutreten: elegante Einrichtung, historische Aufzüge und eine Atmosphäre, die eher an ein Pariser Grandhotel erinnerte als an ein gewöhnliches Stadthotel. Dass hier zahlreiche berühmte Persönlichkeiten übernachteten und sogar der Film „Midnight at the Pera Palace“ gedreht wurde, machte den Ort für uns noch faszinierender.
Der Palais Français war ein weiterer bedeutender Halt unserer Reise. Obwohl wir das Gebäude aufgrund von Bauarbeiten nicht von innen besichtigen konnten, verschafften wir uns von außen einen umfassenden Eindruck und informierten uns über Infotafeln über seine Geschichte. Schon die beeindruckende Architektur und die ruhige Lage mitten in der Stadt lassen erkennen, welche wichtige Rolle Frankreich im Osmanischen Reich spielte. Seit dem 16. Jahrhundert ist dieser Ort Sitz der französischen Vertretung und beherbergt bis heute den französischen Botschafter in Istanbul.
Ein besonders stimmungsvoller Moment war unser Spaziergang durch die Französische Straße. Die Atmosphäre unterschied sich deutlich vom sonst oft hektischen Istanbul: Lichterketten schmückten die Häuserfassaden, kleine Cafés luden zum Verweilen ein und französische Schriftzüge erinnerten an die historische Verbindung zwischen Frankreich und der Stadt. Die ehemalige „algerische Straße“ wurde 2002 zur „Französischen Straße“ umgestaltet und mithilfe Pariser Architekten neu gestaltet – ein Ort, der bis heute ein Stück französisches Flair in Istanbul bewahrt.
Unsere Reise nach Istanbul ermöglichte uns einen intensiven Einblick in das französische Kulturerbe dieser einzigartigen Stadt. Die Begegnungen, Eindrücke und Gespräche machten deutlich, wie lebendig französische Kultur, Sprache und Geschichte bis heute im Istanbuler Stadtbild verankert sind. Vor allem der persönliche Austausch und die Offenheit der Menschen machten diese Erasmus-Erfahrung zu einer unvergesslichen und bereichernden Reise, die uns nicht nur neue Perspektiven eröffnete, sondern auch den Grundstein für zukünftige gemeinsame Projekte legte.
Ina, Maya, Lilly Lou










