TÜRKEI

17. August 1999: Größte Katastrophe seit 100 Jahren





Tote, Obdachlose, Notunterkünfte, Trümmer, vom Staat allein gelassene Menschen. Ein Bild des Grauens. Trotzdem ein Hoffnungsschimmer in einer scheinbar aussichtslosen Lage: Viele, viele Helfer von überall!


 
Izmit:

17.08.99, 3.02 Uhr Ortszeit: Die Erde bebt 45 schier unendliche Sekunden lang mit einer Stärke von 7,8 auf der Richterskala. Das Epizentrum liegt südlich der Ein-Millionen-Stadt Izmit, 12 km unter der Erde; die Auswirkungen des Bebens trafen sogar Städte wie Istanbul in 100 km Entfernung.

Viele Nachbeben hielten den ganzen Tag an, fünf Nachbeben erreichten eine Stärke von mindestens 5, allein in den ersten vier Stunden wurden mehr als 200 Beben der Stärke 2,5 und mehr gemessen.

Die traurige Bilanz einen Tag später: allein in Izmit sind über 1900 Menschen ums Leben gekommen, über 17 000 Personen werden mit schweren Verletzungen behandelt. Gesamte Bilanz nach 5 Tagen: 12 000 Tote, 35 000 Vermisste, über 150 000 Schwerverletzte. Nach Einschätzung der Vereinten Nationen wird die Zahl der Toten wahrscheinlich auf ca. 40 000 steigen.

Zwei Türkinnen vor zerstörten Häusern in Adapazari

Überall Menschen, die aus lauter Verzweiflung mit bloßen Händen in den Trümmern nach ihren Angehörigen graben. Überall Menschen, die weinend vor Toten sitzen, Eltern, die nach ihren Kindern rufen, Kinder, die nach ihren Eltern suchen, ein herzzerreißendes Bild. Einen Tag später sind die Menschen noch verzweifelter, denn viele haben noch keinen Unterschlupf gefunden, und die Chance, Überlebende zu finden, wird von Stunde zu Stunde geringer.

Eine Eishalle muss als Kühlhaus für Leichen dienen, der Geruch des Todes liegt trotzdem überall in der Luft. Seuchen wie Hepatitis B, Ruhr, Cholera, Gelbsucht und Typhus haben hier ein leichtes Spiel: das dichte Zusammenleben in Notunterkünften, die hohen Temperaturen und die schlechten hygienischen Verhältnisse begünstigen den Ausbruch von Infektionen.


 

Vom eigenen Vaterland allein gelassen?

Zwar trafen am Dienstagabend die ersten ausländischen Hilfsmannschaften ein, darunter Spezialisten aus Deutschland, Griechenland, Israel und Großbritannien. Sie sind gut ausgebildet, haben Erfahrung bei der Bergung von Erdbebenopfern und verfügen über modernstes Gerät. Doch angesichts dieser riesigen Katastrophe können sie nicht überall gleichzeitig sein. Da kommt die Frage auf, warum die Türkei selbst offenbar sehr schlecht auf solche Notsituationen vorbereitet ist.


 

Alles über Nacht gebaut und in Sekunden zerstört

Die Profitgier vieler Bauherren ließ Häuser entstehen, die mit zuviel Sand und zuwenig Beton bzw. Stahl gebaut wurden. Ein Bauherr gestand sogar, er habe 600 Häuser gebaut, von denen ca. 550 einstürzten.

Gewissensbisse müssten sich neben den Bauherren auch die Beamten und Politiker machen, die diesen Pfusch jahrzehntelang hinnahmen. Im Großraum Istanbul mit seinen geschätzt 12 Millionen Einwohnern wurden etwa zwei Drittel aller Gebäude illegal errichtet. Selbst wenn viele dieser Häuser nachträglich von den Behörden genehmigt wurden, nicht selten mittels Bestechung, wurden die Einhaltung der Bauvorschriften, die Statik und die Qualität der verwendeten Materialien so gut wie nie überprüft.


 

Warum gibt es in der Türkei eigentlich Erdbeben?

Das Epizentrum dieses Erdbebens lag südlich der Industriestadt Izmit am östlichen Ufer des Marmarameeres in ca. 12 km Tiefe. Diese Naturkatastrophe und viele Dutzend weiterer Beben in den vergangenen 60 Jahren ereigneten sich an der Nordanatolischen Verwerfung, eine der gefährlichsten geologischen Linien auf der Erde. Mit dem Bergriff „Verwerfung“ bezeichnen Geologen eine meist ebene Fläche, entlang derer sich zwei Gesteinsschollen gegeneinander verschoben haben oder  – in der Bergmannsprache -  gegeneinander verworfen wurden. Das hört sich alles harmlos an. Wenn aber diese Schollen die Größe von Ländern oder sogar von Kontinenten haben und mehrere Dutzend Kilometer dick sind, kann man sich vorstellen, welche Wucht mit dem plötzlichen „Verwerfen“ verbunden ist.

Janine Stork


 
 

Quellen:

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Frankfurter Rundschau
Welt und Wissen