Zu Beginn des Jahres machten uns die erschütternden Nachrichten aus Mittelamerika, Indien und dem Westen der USA einmal mehr bewusst, welche ungeheure Zerstörungskraft von Erdbeben ausgeht, welchen Gefahren die in diesen Regionen lebenden Menschen ausgesetzt sind und welches Leid die Naturgewalten ihnen zufügen können. Doch wie kommt es zu diesen Naturkatastrophen? Was löst sie aus? Warum sind manche Gebiete der Erde in erschütternder Regelmäßigkeit davon betroffen und andere Weltregionen bleiben davor verschont?
Dies alles sind Fragen, denen die Schüler am Copernicus- Gymnasium im Erdkundeunterricht nachgehen, indem sie die Grundstrukturen der Seismologie, der Wissenschaft von den Erdbeben, erlernen. Doch seit wenigen Wochen gehen wir am Copernicus-Gymnasium einen großen Schritt weiter. Es reicht uns nicht mehr, uns nur theoretisch mit diesen Fragen zu beschäftigen, wir wollen genauer wissen, wie man Erdbeben messen und lokalisieren kann, welche Methoden sich die Wissenschaft dafür hat einfallen lassen und welche vorbeugenden Maßnahmen ergriffen werden können, um die offensichtlich unvermeidlichen Naturkatastrophen doch zumindest vorhersehbar und kalkulierbar zu machen.
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Zerstörte Hochstraße nach einem Erdbeben (Japan)
Aufräumen nach Erdstößen mit Stärke 6,4 (Japan) |
Um diesen Fragen weit detaillierter nachgehen zu können, als dies im normalen Unterricht möglich ist, wurde zu Beginn des Jahres 2001 in unserer Schule eine Erdbeben AG gegründet, die sich zunächst an Schüler der Klasse 11 wendet, zunehmend jedoch auch für interessierte Schüler der 9. und 10. Klasse zugänglich sein wird. Zu den ersten Aktivitäten der neu gegründeten Arbeitsgemeinschaft zählte die Anschaffung eines Erdbebenmessgerätes, das aus den USA bezogen wurde, und das von den Schülern in diesen Wochen im Keller des Copernicus-Gymnasiums installiert wird, um lokal wie weltweit sich ereignende Erdbeben aufzuzeichnen. Damit wird unseren Schülerinnen und Schülern nicht nur die Möglichkeit gegeben, die Ermittlung von seismischen Impulsen aufzunehmen, sondern wir wollen gemeinsam diese Daten mit Hilfe moderner Technologien auswerten und die Epizentren der aufgezeichneten Beben identifizieren. Dazu bedarf es natürlich einiger Grundkenntnisse in angewandter Physik und geophysikalischer Zusammenhänge, die ebenso Thema der Arbeitsgemeinschaft sind wie praktisch ausgerichtete Arbeiten, allen voran der geplante Eigenbau eines Seismographen.
Doch damit nicht genug. Der eigentliche Clou der neuen Arbeitsgemeinschaft
"Eduseis" ist deren europäische Dimension. Wir werden uns in enger
Zusammenarbeit mit dem Liceo Scientifico "Niccolo Copernico" in Neapel,
Italien, dem Centre International in Valbonne, Süd-Frankreich und
der Escola Secondaria de Odivelas in Portugal im Rahmen eines von der Europäischen
Union geförderten Comenius-Bildungsprojektes mit der Erdbebenthematik
beschäftigen. Diese Zusammenarbeit sieht vor, dass wir eine gemeinsame
Eduseis-Projekt-Homepage erstellen, gegenseitig Erdbebendaten austauschen
und auswerten, seismologische Ereignisse und Probleme diskutieren und gemeinsame
Exkursionen durchführen. Nach gut einjähriger Vorarbeit, vielen
Formularen und Briefen sowie einem vorbereitenden Treffen im Dezember 1999
in Neapel, an dem Herr Sonnentag als Schulleiter und Dr. Hoffmann als Projektinitiator
und Koordinator teilnahmen, wurde das Projekt zwischenzeitlich von der
Europäischen Union genehmigt. Nachdem die theoretischen Grundzüge
geophysikalischen Wissens über die Theorie der Plattentektonik im
Unterricht aufgearbeitet wurde, treffen sich seit Beginn des Jahres im
zweiwöchigen Rhythmus fünfzehn Schüler der Jahrgangstufe
11, um sich intensiv mit der Thematik Erdbeben auseinanderzusetzen. Dank
der großzügigen Unterstützung des Freundeskreises und weiterer
Zuschüsse der Europäischen Union konnte für diese Zwecke
ein Relief-Globus angeschafft werden, der wesentlich zur Veranschaulichung
der Problematik beiträgt. Anfang März 2001 trafen sich die Initiatoren
des Eduseis-Projektes zu einer ersten Bestandsaufnahme der bisherigen Projektumsetzung
in Valbonne an der französischen Côte d´Azur. Vom Copernicus-Gymnasium
nahmen Herr Sonnentag und Dr. Hoffmann sowie Herr Theilig, der den physikalischen
Part des Projektes betreut, teil. Zusammen mit den Kollegen aus den europäischen
Partnerschulen wurden Richtlinien für die Datenaufbereitung, die Gestaltung
der gemeinsamen Eduseis- wie auch der einzelnen schulbezogenen Homepages
vereinbart. Hinsichtlich der Realisierung der europäischen Idee durch
Schülerbegegnungen kamen wir überein, dass wir im Frühjahr
2002 erste geologische und seismologische Exkursionen mit Schülern
durchführen wollen, indem wir internationale Gruppen aus jeweils drei
oder vier französischen, portugiesischen, italienischen und deutschen
Schülern bilden, die in eine der Partnerstädte reisen, dort von
den jeweiligen Projektlehrern betreut werden und in Familien der Eduseis-Schüler
untergebracht werden sollen. Angesichts dieser Planungen wird die Erdbeben-AG
weit mehr als die wissenschaftspropädeutische Beschäftigung mit
einem naturwissenschaftlichen Phänomen sein, sondern zugleich ein
auf Anwendung ausgerichtetes Projekt im Umgang mit neuen Medien und vor
allem ein Projekt der europäischen Begegnung von jungen Menschen,
das Verständnis für andere Kulturen fördert und die individuellen
sprachlichen Fähigkeiten stärkt.
Die Betreuung des Projektes am Copernicus-Gymnasium übernahmen
arbeitsteilig drei Kollegen. Herr Theilig ist für die physikalischen
Aspekte des Projektes sowie die PC-Anwendung zuständig, Herr Horn
übernimmt die Erstellung und Pflege der Eduseis-Homepage und Dr. Hoffmann
ist für alle geographischen Belange sowie die administrativen Aufgaben
verantwortlich.
Dr. Thomas Hoffmann
14.3.2001