Philippsburg und seine Juden

 

Zwei Kilometer von Philippsburg etwas abseits der Landstraße liegt an einer ruhigen Waldecke der jüdische Friedhof, den Hieronymus Nopp, Bürgermeister von Philippsburg und Landtagsabgeordneter, 1882 bauen lies. 1950 wurde er von der Gemeinde Philippsburg restauriert und wird seitdem von ihr gepflegt.

Geht man über diesen Friedhof und sieht sich die Gräber an, entdeckt man Namen wie Faber, Gutmann, Löb, Mane, Meier und Neuburger auf den insgesamt 47 Grabsteinen auf deutsch und hebräisch eingemeißelt.

Alle diese Menschen, die ihr Leben in Philippsburg verbracht haben, haben hier ihre letzte Ruhe gefunden.

Heute gibt es in Philippsburg keine Juden mehr. Nur noch dieser Friedhof hier und eine Gedenktafel, dort wo einmal die Synagoge stand, erinnern daran, dass hier fast 600 Jahre lang Juden und Nichtjuden zusammen lebten, gute wie schlechte Zeiten zusammen durchstanden und einander akzeptierten und respektierten. Fast 600 Jahre lebten sie friedlich zusammen, bis einige Menschen und ihr „Führer“ beschlossen dies zu ändern.

 

Vor 700 Jahren, im 14. Jahrhundert, gab es schon Juden in Philippsburg. Sie zählten damals jedoch noch nicht als Einwohner der Stadt. Man betrachtete sie als separate Gruppe, die wiederum in drei Gruppen unterteilt wurde:

Es gab die Schutzjuden, die unter dem Schutz des Fürstbischofs von Speyer standen, die Garnisonsjuden, die vom Kommandanten der Festung Philippsburg geschützt wurden und die Handelsjuden, die nur für relativ kurze Zeit in Philippsburg lebten und dann weiterzogen.

Da ihnen vom Kaiser der Ackerbau verboten war, machten sich die meisten Juden einen Namen als Händler und Juristen. Besonders der Textil- und Viehhandel war beliebt.

Als Philippsburg 1371-1652 Residenz des Fürstbischofs von Speyer war, blühte das jüdische Leben in Philippsburg auf und die jüdische Gemeinde wuchs. Die jüdischen Menschen, die sich hier niedergelassen hatten, wurden jedoch während der französischen Besatzung der Festung von 1644-1676 wieder vertrieben.

Nach der Besatzung wurden die Juden nur noch bedingt seßhaft in der Stadt Philippsburg, die 1793 von Napoleons Truppen vollständig zerstört wurde.

Als man jedoch am Anfang des 19. Jahrhunderts begann Philippsburg wieder aufzubauen, waren wieder Juden da, um hier zu arbeiten und zu leben. Ihre Namen wurden eingedeutscht und tauchten erstmals im Archiv der Stadt auf. Gutmann, Mane, Meier und Neuburger hießen diese Menschen, die hier ihr Leben verbringen wollten.

1850 erreicht die Zahl der jüdischen Mitbürger ihren Höchststand von 300 Mitbürgern. Sie verkleinerte sich jedoch 1898 wieder auf 126 Personen, als viele Europäer nach Amerika auswanderten.

Die Juden, die noch hier lebten, fühlten sich als Philippsburger, als Deutsche. Juden und Nichtjuden verstanden sich untereinander, man war eine Gemeinschaft in Vereinen und in der Nachbarschaft.

Auch philippsburger Juden kämpften im 1. Weltkrieg neben Nichtjuden als Soldaten und Offiziere für Deutschland.

 

Das Leben zwischen Juden und Nichtjuden verlief friedlich, denn der einzige Unterschied zwischen ihnen bestand in ihren Religionen. Man sah den anderen als gleichberechtigt an und mochte sich.

Dann kam die NSDAP (Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei) und Hitler, der erst Reichskanzler, dann Reichspräsident und später „Führer“ wurde.

1933 begann sein Programm, das auf der wahnsinnigen Idee beruhte, man müsste alle Juden vernichten. Sie müssten ausgelöscht werden wegen ihrer Rasse, die er als minderwertig, als nicht lebenswürdig bezeichnete. Es begann die Verfolgung der Juden in ganz Deutschland. 

Als 1935 die menschenunwürdigen „Nürnberger Rassengesetze“ erlassen wurden, flohen viele Juden aus Deutschland, auch aus Philippsburg. Diese Gesetze verboten ihnen ihre Religion frei auszuüben und nahmen ihnen die einfachsten Menschenrechte.

Juden durften auch keine Geschäfte mehr besitzen und so wurden diese zu geringen Preisen an „Deutsche“ verkauft und somit arisiert. Doch kein Philippsburger kaufte das Geschäft eines seiner jüdischen Mitbürger. Sie wurden alle an Leute von außerhalb verkauft.

Vielleicht hatten sie nur ein schlechtes Gewissen oder fühlten sich den Juden gegenüber verpflichtet, aber vielleicht konnten sie auch nicht verstehen, warum diese Menschen, mit denen sie schon so lange zusammenlebten, die für sie da waren, zu ihnen gehörten, plötzlich „Gift für das deutsche Volk“ und minderwertig sein sollten.

Doch auch in Philippsburg waren die NSDAP und die SA gut vertreten. 1933 wurde der damalige Bürgermeister Oskar Zimmermann von seinem Amt enthoben, weil er der NSDAP nicht beitreten wollte und durch den Ortsgruppenleiter der NSDAP ersetzt.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, der „Reichspogromnacht“, wurde in Philippsburg von Mitgliedern der SA, wie in ganz Deutschland, die Synagoge geplündert und angezündet. Die Feuerwehrleute von Philippsburg schützten die Nachbargebäude, schauten aber zu wie die Synagoge niederbrannte.

Auf dem Gelände der Synagoge entstand nun eine Rüstungsfabrik der Firma R+W aus Pforzheim.

Ausschreitungen gegen Juden, wie zum Beispiel in Wien, gab es aber Gott sei Dank nicht.

Viele Juden flüchteten in den Westen, um der Verfolgung zu entkommen. Auch Juden aus Philippsburg gingen und so lag die Zahl der Juden 1940 bei 56 Personen.

Diese 56 Juden wurden noch im selben Jahr auf Befehl der NSDAP, wie viele badische Juden, nach Goors, einem Konzentrationslager in Frankreich, deportiert. Und so meldete der Ortsgruppenleiter der NSDAP Philippsburg im August 1940 an die Gauleitung in Karlsruhe: „Philippsburg ist judenfrei!“

Die meisten dieser Juden fanden in Goors den Tod.

Nur ein einziger Jude aus Philippsburg, der Rabbiner Moritz Neuburger, überlebte dieses schreckliche Ereignis, und kehrte nach Philippsburg zurück, um hier zu leben. Er wohnte in Philippsburg bis zum

9. März 1954, als er im Alter von 84 Jahren starb.

 

Heute gibt es in Philippsburg keine Juden mehr. Der Nationalsozialismus hat das jüdische Leben in Philippsburg zerstört.

Man muss das Thema so objektiv wie möglich betrachten,“ sagte Ekkerhard Zimmermann, als ich mit ihm am 3. Oktober 2002 über die Juden in Philippsburg sprach, „aber daran vorbei, das es ein Verbrechen ohnegleichen war, kommt man nicht!

Dieses unmenschliche, grausame Verbrechen dürfen wir niemals vergessen. Daran soll uns die Gedenktafel, dort wo einmal die Synagoge stand, und der jüdische Friedhof erinnern, damit so etwas schreckliches wie der Holocaust niemals wieder passieren wird.

 

Geht man auf dem jüdischen Friedhof durch das Tor den Mittelweg entlang, ist das vorletzte Grab auf der linken Seite das Grab von Moritz Neuburger, dem Rabbiner, der den Holocaust überlebte.

Ich bewundere diesen Menschen, den ich nie gekannt habe.

Der, nach allem was ihm Deutsche angetan hatten, zurück kam nach Philippsburg, um hier sein Leben zu beenden.

Der sicher vielen verzieh was ihm angetan wurde, oder zumindest bereit war, mit diesen Leuten zusammenzuleben, die ihm nicht geholfen hatten.

 

Moritz Neuburger, war einer dieser Menschen, die die Welt ein bisschen besser machen;

und er war Jude...

 

Ich möchte zum Schluss noch Herrn La Russa danken, der mir sehr viele Informationen aus dem Archiv der Stadt besorgt hat,

Herrn Fischer, dem Leiter der Stadtbibliothek, der mir Lesestoff zum Thema Juden gab,

und ganz besonders Herrn Ekkerhard Zimmermann, der mir sehr viele Informationen über die Geschichte von Philippsburg gab.

Ohne ihre Hilfe wäre dieser Artikel nicht entstanden.