O Tannebaum! Reviewed by Momizat on . Nach zwei Jahren steht er wieder, der Tannenbaum des Copernicus-Gymnasiums. Corona hat er ĂĽberdauert, dem Brand getrotzt. Dabei hat er eine ganz eigene Geschich Nach zwei Jahren steht er wieder, der Tannenbaum des Copernicus-Gymnasiums. Corona hat er ĂĽberdauert, dem Brand getrotzt. Dabei hat er eine ganz eigene Geschich Rating: 0

O Tannebaum!

Nach zwei Jahren steht er wieder, der Tannenbaum des Copernicus-Gymnasiums. Corona hat er ĂĽberdauert, dem Brand getrotzt. Dabei hat er eine ganz eigene Geschichte. Immerhin grĂĽnt er am Copernicus-Gymnasium nur zur Winterzeit.
Einer Fünftklässlerin fiel das auf, als sie über die Brücke ging und zusah, wie Schülerinnen der 10b mit Hilfe eines kleinen Kranes Stamm und Äste miteinander verschraubten.
„Euer Baum hat aber gar keine Blätter!“, sprach die Fünftklässlerin, zuckte mit den Schultern und ging ihres Weges.
„Recht hat sie“, meinte Jasmin, „wie ein Baum sieht das nun wirklich nicht aus.“ Und alles besahen den armen hölzernen Gesell und der schämte sich. Verdattert stand er da rum, ziemlich schlicht und irgendwie bescheiden und verstand es nicht einmal, anständig auf den roten Teppich zu nadeln, was sein Hauptgeschäft war, so verwirrt war er und noch so schüchtern.
Zum GlĂĽck gibt es fĂĽr solche Augenblicke Herrn Wimmer.

„Kein Problem“, rief dieser aus, klappte seine Weihnachtsposaune auf und kraxelte, die Kleine Nachtmusik improvisierend, auf der alten Holzleiter in den tiefen Keller der Schule hinab. Dort rumpelte es und schepperte, man hörte ihn fallen und manchmal schreien, doch Stunden später wuchtete der Musiklehrer sich wieder zurück ans Tageslicht. Verstaubt und zerzaust, aber glücklich. Einen großen braunen Karton hatte er mitgebracht und hob diesen sich auf die Schultern. Stolz und ein fröhliches Liedchen trillernd schritt er die Brücke hinab, wo die Schülerinnen unverdrossen dabei waren, den Baum einzudecken. Da die alten Kugeln und Lichterketten ein Raub der Flammen und des Rauchs geworden waren, setzten sie gerade neue Kugeln zusammen, lackierten sie lila und fädelten tausende Lämpchen in die neue Lichterketten ein.
„Haltet ein“, donnerte Herr Wimmer und ließ die Posaune erschallen, „ihr vergesst die Nadeln!“
„Richtig“, jauchzte Cemre, „die Nadeln!“
Mit einem Plumps rumste Herr Wimmer den Karton zu Boden, klappte ihn auf und erklärte:
„Vor vielen Jahrzehnten, in einer anderen Zeit, als die Kinder noch nach Noten zu singen verstanden, klopfte der erste Hausmeister der Schule am ersten Tag des neuen Jahres, als dieses noch ganz frisch war, der Tannenbaum aber dörr und recht hager, diesem die Nadeln von den Ästen, worauf der sich artig bedankte und verhalten knisterte, jetzt wisse er, was ihn an Silvester so gejuckt habe. Dann fegte der Hausbesitzer alle Tannennadeln in einen Karton. Dort ruhten sie auf einem weichen Bett aus Moos und Erde und Balsam das kommende Jahr über und wurden von eingeweihten Schülerinnen und Schülern mit einer Pipette gefüttert und über das Jahr hin wieder aufgepäppelt. Bis man den Karton Ende November ans Tageslicht brachte und alles hervorholte, um dem Bäumchen sein Nadelkleid anzuziehen. Und siehe da…“
„Ja“, jubilierte Zehra …
…und Herr Wimmer wiederholte: „Da…“
…und die Zehra jahte noch einmal und sprach: „die Nadeln sind wieder da!“
Wie frisch und grün sie leuchteten! Wie sie nach Wald und Pilzen und Nebel dufteten und einen leichten Hauch von Muskat, Zimt und Zitronat verströmten. Die Schülerinnen begannen im Chor zu singen und die Nädelchen mit schwedischen Imbusschlüsselchen an Ästen und Zweigen zu verschrauben.
„Zimt und Muskat“; murmelte Herr Wimmer, „nach 50 Jahren bleibt halt so einiges darin hängen“, mehr zu sich selbst als zur verdutzt dreinschauenden Frau Schneider, die das vergangene Jahr über sich nie hatte erklären können, was ihr Co-Verbindungslehrer so oft im Keller tat und wieso er manches Mal in der Abenddämmerung gedankenverloren summte:
„Zum Karton ich hasch
flugs flugs geschwind
wo die bunten Nadeln sind
rasch rasch und nicht lasch
hinab ich endlich steigen muss
den Nadeln ihren Wasserguss!“
Ob das nicht ein sehr großer Aufwand sei, einen Baum auf die Brücke zu stellen und zu schmücken und ihn dann leuchten zu lassen, fragte plötzlich eine tiefe sehr kritische Stimme.
Die SchĂĽlerinnen erschraken und erstarrten.
Da fasste Herr Wimmer sich ans Kinn. Mit den Jahren nicht mehr ganz so aufbrausend, sondern altersmilde geworden, stĂĽtzte er den Kopf ab und dachte lange nach. SchlieĂźlich hob der Mann sein weises Haupt und raunte mit sonorer Stimme:
„Wer im Baumhaus sitzt, soll nicht mit Nadeln werfen.“

Wir wünschen allen Schülerinnen und Schülern, ihren Eltern, allen Lehrerinnen und Lehrern und den Freundinnen und Freunden der Schule eine schöne und besinnliche und gesunde Zeit! (ki)

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