Abitur 2018 (3) – Herzlichen Glückwunsch! Reviewed by Momizat on . Der Abiturjahrgang 2018 wurde am 6. Juli 2018 angemessen verabschiedet. Bevor in der Hockenheimer Stadthalle emotional Abschied gefeiert wurde, gab es im Lichth Der Abiturjahrgang 2018 wurde am 6. Juli 2018 angemessen verabschiedet. Bevor in der Hockenheimer Stadthalle emotional Abschied gefeiert wurde, gab es im Lichth Rating: 0

Abitur 2018 (3) – Herzlichen Glückwunsch!

Der Abiturjahrgang 2018 wurde am 6. Juli 2018 angemessen verabschiedet. Bevor in der Hockenheimer Stadthalle emotional Abschied gefeiert wurde, gab es im Lichthof des Copernicus-Gymnasiums traditionell die Abiturzeugnisse. In Reden wurde der Jahrgang besungen und berühmt, mit Preisen behäuft.

Abiturjahrgang 2018

Abiturjahrgang 2018

Der zum Schuljahresende scheidende Schulleiter Peter Müller ließ es sich nicht nehmen, gewichtige Textstellen des amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace zu zitieren. Ihm erscheine es wichtig, auf die Perspektive hinzuweisen, in welcher man auf die Welt und damit auch in sich selbst hineinblicke.

Herr Thomas Deuschle, erster Beigeordneter der Stadt Waghäusel, wies den Abiturientinnen und Abiturienten den Weg ins Leben hinaus, mit dem Hinweis darauf, wieviele Stunden sie am Copernicus-Gymnasium verbracht hätten und wieviele nun vor ihnen lägen, in denen sie auf diesem Fundament aufbauen könnten.

Der Jahrgangsstufenlehrer Stefan Jutzi traf das Herz des Jahrganges, als er von den auf Studienfahrten erworbenen Kompetenzen berichtete und humorig auf die Abiturprüfungen dieses Jahres einging. Immerhin wüssten die 57 Schülerinnen und Schüler nun, wie hoch die Wahrscheinlichkeit sei, dass ein Affe die Buchstaben „A F F E“ in der richtigen Reihenfolge auf einer Tastatur eintippen würde. Alexander Belz, Vorsitzender des Freundeskreises, hob die Verbindung hervor, die zwischen den ehemaligen und aktuellen Schülerinnen und Schülern lebe, für die der Freundeskreis der Schule seit jeher stehe.

Die scheidende Schülersprecherin Lara Tiedemann sprach für ihre Stufe und hob hervor, wie sehr man gerade in den vergangenen Monaten zusammengewachsen sei. Ihre beiden Stellvertreterinnen, Hanna Bauni (KS1) und Leonie Brunner (Klasse 10), würdigten die stufenübergreifende Zusammenarbeit innerhalb der SMV.

Zu stehenden Ovationen riss die diesjährige Scheffelpreisträgerin, Stefanie Seldenreich, die Zuhörerschaft hin. In einer persönlichen Rede vermochte sie es, den Zustand der Zwischenzeit und Unsicherheit und der Freude einzufangen, in welchem sich die Absolventinnen und Absolventen nun befänden. Eine der größten Reden des vergangenen Jahrzehnts, an deren Ende das Publikum sich zu Recht von den Stühlen erhob. (ki)

Alle Reden werden im Laufe der kommenden Woche hier Stück für Stück publiziert.

Impressionen (ki)

(3) Die Rede der Scheffelpreisträgerin 2018,Stefanie Seldenreich:

„Vor zwei Wochen bat mich Herr Kirstätter, nach der Zeugnisvergabe kurz zu ihm zu kommen. Seinen Gesichtsausdruck konnte ich anfangs absolut nicht deuten. Dann verkündete er mir, dass ich den Scheffelpreis erhalten würde. Soweit, so gut. Doch plötzlich wurde sein Blick etwas unsicherer und ich ahnte bereits, was kommen würde. Ich sollte hier und heute eine Rede halten. Was das Problem ist? Ich war noch nie ein Mensch der großen Worte. Ich lese und schreibe gern… aber reden? Und vor allem, über was? 

Vor 12 Jahren… fühlt ihr euch auch schon so alt? Vor 12 Jahren sagte mir mal jemand: „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens. Der Spaß hat jetzt endgültig ein Ende.“ Doch mal ehrlich, wer kann in der ersten Klasse von Ernst sprechen? Man ging in die Schule, um sich mit seinen Freunden zu treffen. Dann gab es immer mal wieder „Unterricht“, der sich aber nie wirklich so anfühlte. Außer in Mathe… In Mathe begann für mich wirklich der Ernst des Lebens. Und es wurde seitdem nie wieder besser. Ein paar Jahre später hieß es dann: „Die Schulzeit ist die schönste Zeit im Leben.“ Wenn ich um 5 Uhr von der Schule heimkam, noch schnell die Hausaufgaben machte, den Vortrag für den nächsten Tag vorbereitete und für die Matheklausur lernte, blieb mir als Reaktion auf diesen Satz nur noch die Kraft für ein ausdrucksloses Nicken. Vor dem Abitur hieß es dann: „Heult nicht so rum, das Studium ist deutlich schlimmer.“ Immer wieder diese Drohungen. Man würde lügen, wenn man sagen würde es war einfach, aber wir haben es geschafft. Und jetzt stehen wir hier und halten es endgültig in den Händen. Das Abitur. Und das kann uns jetzt keiner mehr nehmen und ich finde, darauf dürfen wir stolz sein.
2010 hat unsere Reise hier begonnen. Damals waren wir quasi noch ein unbeschriebenes Blatt. Dann gab man uns plötzlich Stifte, Pinsel und Zirkel in die Hand und wir begannen das erste Kapitel unseres Lebens mit Brüchen, Dreiklängen, Wilhelm Tell und unzähligen Vokabeln zu füllen, jeder auf seine eigene Art und Weise. Der eine wählt als Schriftart Hieroglyphen, ein anderer verkünstelt sich, einer macht sich gar nicht erst die Mühe und wieder ein anderer sucht vergeblich nach der richtigen Seite. Wie wir unser erstes Kapitel gestalteten war uns zum großen Teil selbst überlassen, der Schluss aber stand für uns alle fest- das Abitur. Und jetzt stehen wir hier und sind nur noch eine Seite vom zweiten Kapitel entfernt. Alles was jetzt kommt ist weiß, unbeschrieben, leer.
Ab jetzt haben wir es mehr denn je in der Hand, was passieren wird. Diesmal ist der Schluss nicht für uns festgelegt. Wir bestimmen ihn selbst. Und zwar mit unseren Taten und unserem Ehrgeiz. Den Grundstein für unser persönliches literarisches Meisterwerk haben wir gelegt. Wir können sogar unser Genre verändern! Der Künstler wird zum intellektuellen Bilderbuch, der Mathematiker zur Formelsammlung, der Musiker zur eigenen Partitur. Wir stehen vor der bislang größten Entscheidung unseres Lebens. Diese ist natürlich auch mit Fehlern verbunden, aber Fehler gehören genauso dazu wie Erfolge, man muss nur mit ihnen umgehen können. Denn nur so schafft man sich seinen eigenen „Roten Faden“, an dem man sich immer orientieren kann. Sicher wird man ihn mal aus den Augen verlieren, ihn kürzen, verlängern, dehnen, manchmal wird er sogar reißen. In jedem guten Buch gibt es auch dunkle Kapitel, aber wie die darauffolgenden Kapitel werden, hat man selbst in der Hand. Die Kreativen unter uns machen den roten zum grünen Faden, die Faulen werden ihn als Hängematte benutzen, die Innovativen werden sich direkt zum Ende teleportieren, die Sportlichen werden balancieren und die Revolutionäre werden ihn durchschneiden und  versuchen ohne ihn ans Ziel zu kommen.
Unsere Ziele werden sich mit der Zeit verändern, wir werden uns verändern, werden andere Prioritäten und Wünsche haben. Und auch die Konstellation der Hauptcharaktere ist ein ständiges Kommen und Gehen. Wichtig ist nur, dass man das findet, was einem Spaß macht. Denn von morgens um 9 bis abends um 5 etwas zu tun, das einem keinen Spaß macht, macht einen auf Dauer nicht glücklich. Wir sind jetzt so frei wie vermutlich nie wieder in unserem Leben und das sollten wir in vollen Zügen genießen, ob es die Weltreise wird oder nicht ist egal. Man sollte diese Zeit nutzen, um sich zu definieren. In der Schule ging es immer darum, wer die besten Noten und den besten Schnitt hatte – jetzt geht es vielmehr darum, wer man selbst ist und vor allem, wer man sein will. Doch egal was passiert, irgendwann hält man ein vollgeschriebenes Stück Literatur in seinen Händen, aus dem man noch oft lesen und sich mit einem Lächeln zurückerinnern wird.
Wie man sieht haben wir es nicht alleine bis hier hingeschafft. Viele haben uns unterstützt, geholfen, manchmal sogar gerettet. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um mich zu bedanken. Bei Lehrern, die alles geduldig drei Mal erklärt haben und Verständnis gezeigt haben, wenn es mal Probleme gab. Bei manchen Mitschülern, die viel getan und geholfen haben aber auch bei allen anderen, die in irgendeiner Weise dazu beigetragen haben, dass ich heute hier stehen kann. Danke für die unzähligen schönen und lustigen Momente, die lehrreichen Anekdoten aus dem eigenen Leben, die unvergesslichen Kursfahrten, aber auch danke für die Wut, die wir miteinander geteilt haben, die Erleichterung, wenn die Matheklausur doch verschoben wurde, den Neid, wenn die anderen 3 Stunden früher aushatten, die Freude, wenn alle Klausuren geschrieben waren und die unbeschreibliche Nervosität, wenn es mal wieder Zeit für einen unangekündigten Test war. Ich könnte in keiner Rede, egal wie lang sie wäre, dem gerecht werden, was wir in diesen 8 Jahren alles erlebt haben. Und das will ich auch gar nicht. Jeder weiß für sich selbst, was ihn bewegt hat, welche Momente und Menschen er nie vergessen wird und was er aus der Sache gelernt hat.
Wie gesagt, ich bin kein Mensch der großen Worte, aber ich wünsche uns allen, dass wir es schaffen, unseren Träumen und Zielen nachzugehen, auch dann, wenn eigentlich alles und jeder dagegenspricht. Und auch, wenn wir dafür den Zwängen der Syntax trotzen müssen oder mehrere Seiten Platz brauchen. Und ich wünsche uns, dass wir auch in schwierigen Zeiten den Mut und die Kraft haben, aufzustehen und weiterzumachen, denn ich glaube, darauf kommt es an im Leben.
Macht die nächsten Kapitel eueres Lebens zu den aufregendsten, persönlichsten und besten und euer Werk zum spannendsten, das ihr jemals gelesen (oder für die Nicht-Leser unter uns: das ihr je gesehen habt). Ob Schule die beste Zeit in meinem Leben war? Kann ich jetzt noch nicht sagen, aber es war geil. 

Vielen Dank.“

 

(2) Die Rede es Jahrgangstufenlehrers, Herrn Stefan Jutzi:

„Liebe Abiturientinnen,  liebe Abiturienten, liebe Gäste,

das Wichtigste zuerst: ich möchte euch herzlich zum bestandenen Abitur gratulieren und freue mich sehr für euch, dass ihr nach 12 Jahren erfolgreich die Schule abgeschlossen habt. 

1796 Mathematikstunden und genauso viele Deutschstunden liegen hinter euch, 2263 große Pausen (ein Dank hier an die Eltern für die entsprechenden Pausenbrote), 794 Klassenarbeiten und Tests. Man könnte nun noch viele Zahlen bzw. Daten aufzählen, aber inzwischen gibt es ja die neue DSGVO (Datenschutzgrundverordnung), die mir weitere Einzelheiten verbietet – später trotzdem nochmal mehr davon.

Vor 12 Jahren habt ihr nach dem Sommermärchen euern ersten Schultag erlebt, seid mit Schultüte in die Schule gelaufen, Photos davon wurden noch mit einer Digitalkamera gemacht (gab ja noch kein Iphone), und habt „Zeit, dass sich was dreht“ gesummt. 

2010 seid ihr dann ans CopGym gekommen, Lena hatte gerade mit „Satellite“ den GrandPrix gewonnen, und dort …. aber halt, hier kommt wieder die DSGVO zum Tragen. Einzelheiten könnt ihr aber in der Festschrift nachlesen, an der Herr Kirstätter engagiert arbeitet und die im Herbst erscheinen wird. Eine Tatsache darf ich aber schon verraten: unter euch befindet sich der 3000. Abiturient; ein junger Mann, der anhand von Wiesental die ganze Welt erklären kann.

Nun steht euch mit dem Abiturzeugnis die Welt offen. Einige von euch werden sofort Studieren oder eine Ausbildung beginnen. Dafür seid ihr bestens vorbereitet; immerhin könnt ihr z.Bsp. berechnen, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Affe „Affe“ auf einer Tastatur tippt oder merkt auf jeder Kreuzfahrt sofort, ob ihr gerade eure Tochter datet.

Andere werden auf Reisen gehen (z.Bsp. zu Elefanten in Indien). Auch dafür haben wir euch ausgebildet: sei es ein Rauswurf aus einem Hostel in Schottland oder eine nächtliche Evakuierung aufgrund eines Feueralarms in Wien. Solltet ihr nachts mal ein Boot benötigen … auch darin gibt es Erfahrung, allerdings scheint da noch eine Rechnung offen zu sein. Ihr könnt auch einen IC-Zug durch eine Notbremsung auf freier Strecke zum Stehen bringen, mehr braucht ihr nicht.

Einige wollen zunächst auch Arbeiten, naja, etwas Neues soll es ja für euch auch zu entdecken geben. 

Für die weitere Zukunft möchte ich mit einem Zitat von Mark Twain meine Rede beenden:

„In 20 Jahren wirst du die Dinge bereuen, die du nicht getan hast anstatt die Dinge, die du getan hast. Deshalb zieh den Anker ein, verlasse den sicheren Hafen und fang den Wind in deinen Segeln.“ 

Vielen Dank!“

(1) Die Rede des Schulleiters, Herrn Peter Müller:

 

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Martus und BürgermeisterInnen bzw. Stellvertreter und Ortsvorsteher, geehrte Honoratioren,
Herr Prof. Stumpf, Herr Sonnentag,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Abiturientinnen und Abiturienten und Familienmitgliedern.

Heute beginnt für Sie, in wenigen Tagen aber auch für mich,
ein neuer Lebensabschnitt. Einiges wird sich ändern.

Deshalb möchte ich Ihnen, und damit natürlich auch mir, etwas Nachdenkenswertes mitgeben. Fundament meiner Ausführungen ist David Foster Wallace‘s einzige Rede, die er vor Absolventen gehalten hat.

Schwimmen zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegenrichtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: »Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?«

Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, und schließlich wirft der eine dem anderen einen Blick zu und sagt: »Was zum Teufel ist Wasser?«

Wenn Sie Angst haben, ich wollte hier den weisen alten Fisch abgeben, der Ihnen erklärt, was Wasser ist, darf ich Sie beruhigen. Ich bin nicht der weise alte Fisch. Die naheliegende Pointe der Fischgeschichte ist, dass die offensichtlichsten, allgegenwärtigsten und wichtigsten Tatsachen oft die sind, die am schwersten zu erkennen und zu diskutieren sind. Tatsache ist aber, dass Plattitüden in den alltäglichen Grabenkämpfen des Erwachsenendaseins eine lebenswichtige Bedeutung haben können. Das jedenfalls möchte ich Ihnen an diesem sonnigen Tag nahelegen.

Ich habe da noch eine kleine didaktische Parabel.

Sitzen zwei Männer in einer Bar irgendwo in der Wildnis von Alaska. Der eine ist religiös, der andere Atheist, und die beiden diskutieren über die Existenz Gottes mit dieser eigentümlichen Beharrlichkeit, die sich nach dem, sagen wir mal, vierten Bier einstellt. Sagt der Atheist: »Pass auf, es ist ja nicht so, dass ich keine guten Gründe hätte, nicht an Gott zu glauben. Es ist nämlich nicht so, dass ich noch nie mit Gott oder Gebeten experimentiert hätte. Letzten Monat erst bin ich weit weg vom Camp in so einen fürchterlichen Schneesturm geraten, ich konnte nichts mehr sehen, hab mich total verirrt, vierzig Grad unter null, und da hab ich’s gemacht, ich hab’s probiert: Ich bin im Schnee auf die Knie und hab geschrien: »Gott, wenn es dich gibt, ich stecke in diesem Schneesturm fest und sterbe, wenn du mir nicht hilfst!«

Der religiöse Mann in der Bar schaut den Atheisten ganz verdutzt an: »Na, dann musst du doch jetzt an ihn glauben«, sagt er. »Schließlich sitzt du quicklebendig hier.«

Der Atheist verdreht die Augen, als wäre der religiöse Typ der letzte Depp: »Quatsch, Mann, da sind bloß zufällig ein paar Eskimos vorbeigekommen und haben mir den Weg zurück ins Camp gezeigt.«

Ein und dieselbe Erfahrung kann für zwei verschiedene Menschen unterschiedlichen Sinn haben, wenn die beiden über verschiedene Glaubensschablonen verfügen und auf verschiedene Weisen aus Erfahrungen Sinn konstruieren. Wir würden in unserer Analyse niemals zu behaupten wagen, die Interpretation des einen Mannes sei wahr und die des anderen falsch oder schlecht.
Wo kommen die jeweiligen Schablonen her, wo im Inneren der beiden Männer habe sie ihren Ort? Es ist, als ob die grundlegende Sicht eines Menschen auf die Welt und der Sinn seiner Erfahrungen irgendwie automatisch in ihm verdrahtet ist wie Körper- oder Schuhgröße, oder als würden sie wie die Sprache von der Kultur vorgegeben. Als wäre unsere Konstruktion von Sinn keine Frage der persönlichen und ausdrücklichen Wahl, der bewussten Entscheidung.

Hinzu kommt die Arroganz.

Der nicht religiöse Mann ist absolut und unausstehlich selbstsicher im Abtun der Möglichkeit, dass die Eskimos etwas mit seinem Stoßgebet zu tun haben könnten.

Aber Tatsache ist, dass religiöse Dogmatiker dasselbe Problem haben wie der Atheist in der Geschichte – Arroganz, blinde Gewissheit, eine Engstirnigkeit, die wie eine Gefängniszelle so absolut ist, dass der Häftling nicht mal merkt, dass er eingesperrt ist.

Ich glaube, »das Denken zu lernen« läuft im Grunde darauf hinaus, dass ich ein bisschen Arroganz ablege, ein bisschen »kritisches Bewusstsein« für mich und meine Gewissheiten entwickle. Denn das Zeug, dessen ich mir automatisch sicher bin, erweist sich großenteils als total falsch und irreführend. Ich habe das gelernt, und ich fürchte, das werden Sie nach Ihrem heutigen Abschluss auch tun müssen.

Meine unmittelbare Erfahrung stützt meine tief sitzende Überzeugung, dass ich der absolute Mittelpunkt des Universums bin, der echteste, lebendigste und bedeutendste existierende Mensch. Sie ist unsere Standardeinstellung, die mit der Geburt in unseren psychischen Festplatten verdrahtet wird. Die Gedanken und Gefühle anderer Leute müssen ihnen irgendwie kommuniziert werden, aber ihre eigenen sind unmittelbar, zwingend und wirklich.

Bitte haben Sie keine Angst, ich will Ihnen keine Predigt über Mitgefühl, Außenorientiertheit und all die anderen sogenannten »Tugenden« halten. Es geht nicht um Tugend, es geht vielmehr darum, ob ich diese angeborene, fest verdrahtete Standardeinstellung ändern oder überwinden möchte, diese Ichbezogenheit, deretwegen wir alles durch die Linse des Selbst sehen und interpretieren. Menschen, die ihre angeborene Standardeinstellung auf diese Weise anpassen können, werden oft als »gut angepasst« beschrieben, und meiner Meinung nach ist dieser Begriff kein Zufall.

Das vielleicht Gefährlichste an einer akademischen Bildung ist , dass es die Neigung zur Überinterpretation verstärkt. Ich verliere mich in Abstraktionen, statt auf das zu achten, was sich vor meiner Nase abspielt, was sich in mir abspielt.
Wie Sie alle garantiert längst wissen, ist es äußerst schwer, geistig rege und aufmerksam zu bleiben und sich von dem ständigen Monolog im eigenen Kopf nicht einlullen zu lassen, Sie wissen aber noch nicht, was bei diesem Kampf alles auf dem Spiel steht.

Das Klischee, einem »das Denken beizubringen«, ist in Wirklichkeit die Abkürzung einer sehr tiefen und wichtigen Wahrheit. »Selber denken lernen« heißt in Wirklichkeit zu lernen, wie man über das Wie und Was des eigenen Denkens eine gewisse Kontrolle ausübt. Es heißt, selbstbewusst und aufmerksam genug zu sein, um sich zu entscheiden, worauf man achtet, und sich zu entscheiden, wie man aus Erfahrungen Sinn konstruiert.

Denken Sie mal an das alte Klischee, der Geist sei »ein ausgezeichneter Diener, aber ein schrecklicher Herr«.

Es ist keineswegs Zufall, dass Erwachsene, die mit Schusswaffen Selbstmord begehen, sich fast immer in den Kopf schießen. Und in Wahrheit sind die meisten dieser Selbstmörder eigentlich schon tot, lange bevor sie den Abzug drücken. Wie gelingt einem ein angenehmes, gut situiertes und respektables Erwachsenendasein, ohne dass man tot, gedankenlos und tagein, tagaus ein Sklave des eigenen Kopfes und der angeborenen Standardeinstellung wird, total auf sich allein gestellt ist?

Werden wir also konkret. Es ist eine schlichte Tatsache, dass Sie heute, am Tag Ihres Abschlusses, noch keine blasse Ahnung haben, was »tagein, tagaus« wirklich bedeutet. Teilweise besteht dieses Leben nämlich aus Langeweile, Routine und banaler Frustration. Ihre Eltern und die älteren Anwesenden werden nur zu gut wissen, was ich meine.

Nehmen wir den durchschnittlichen Tag eines Erwachsenen. Sie stehen morgens auf, gehen einer anspruchsvollen Schreibtischarbeit eines Akademikers (?) nach, schuften neun oder zehn Stunden lang, und bei Feierabend sind Sie müde und gestresst und wollen nur noch nach Hause, freuen sich auf ein gutes Abendessen, vielleicht noch ein paar Stunden Entspannung, und wollen dann früh in die Falle, weil das Ganze am Tag darauf ja von vorne losgeht.
Aber dann fällt Ihnen ein, dass Sie nichts zu essen im Haus haben‚ wegen Ihrer anspruchsvollen Tätigkeit hatten Sie die ganze Woche noch keine Zeit zum Einkaufen, also müssen Sie nach Dienstschluss erst mal zum Supermarkt fahren.
Sie geraten in den Feierabendverkehr und brauchen weit länger als nötig, und wenn Sie den Supermarkt endlich erreichen, ist er brechend voll, weil natürlich alle Berufstätigen ihre Einkäufe in diese Tageszeit quetschen müssen, und im Laden herrscht dieses scheußliche Neonlicht, und Sie wünschen sich ans andere Ende der Welt, aber mit einer Stippvisite ist es leider nicht getan.
Sie müssen durch all die riesigen, grell erleuchteten und verstopften Gänge wandern, bis Sie endlich alles zusammenhaben, Sie müssen Ihren schrottigen Einkaufswagen an denen all der anderen erschöpften, hektischen Leute vorbei-manövrieren, und die Greise bewegen sich im Tempo der Kontinentaldrift, und verpeilte Leute und ADHS-Teenager blockieren die Gänge, und Sie müssen die Zähne zusammenbeißen und möglichst höflich fragen, ob Sie mal durch können, und wenn Sie zu guter Letzt alle Zutaten fürs Essen beisammen haben, stellt sich heraus, dass nicht genug Kassen offen sind, obwohl die übliche Feierabendhektik herrscht, also sind die Schlangen unendlich lang.
Was idiotisch ist und Sie fuchsteufelswild macht, aber Sie können Ihren Zorn nicht an der gehetzten Kassiererin auslassen, die völlig überarbeitet ist in einem Job, dessen tägliche Ödnis und Sinnlosigkeit unsere aller Fantasie übersteigt aber schlussendlich kommen Sie an die Reihe, bezahlen Ihre Lebensmittel, warten darauf, dass das Lesegerät Ihre Kartenzahlung akzeptiert, und bekommen mit einer Stimme, die wie der leibhaftige Tod klingt, ein »Schönen Tag noch« mit auf den Weg gegeben.

Und dann müssen Sie mit Ihren Lebensmitteln im Einkaufswagen mit dem einen eiernden Rad, das immer so nervtötend nach links zieht, draußen über den Parkplatz und die Tüten möglichst so im Wagen verstauen, dass nicht alles raus fällt und herum kullert, und dann müssen Sie den ganzen Weg im zähen Stoßverkehr hinter den Geländewagen her nach Hause fahren und so weiter und so fort…

Jeder von Ihnen hat das natürlich schon erlebt‚ aber bei Ihnen, die Sie heute Ihren Abschluss machen, ist es noch nicht Tag für Woche für Monat für Jahr Teil des Alltagstrotts. Das wird es aber werden, zusammen mit zahllosen anderen trostlosen, nervenden und scheinbar sinnlosen Routinetätigkeiten.

Aber darum geht es nicht.
Es geht darum, dass genau bei diesem banalen, frustrierenden Kleinkram die Arbeit des Entscheidens einsetzt. Denn im Stau, in den verstopften Gängen und in den Schlangen an der Kasse habe ich Zeit nachzudenken, und wenn ich mich nicht bewusst entscheide, woran ich denken und worauf ich achten möchte, werde ich beim Einkaufen jedes Mal sauer und niedergeschlagen sein, weil sich … meiner angeborenen Standardeinstellung zufolge alle Dinge um mich drehen, um meinen Hunger, meine Erschöpfung und meinen Wunsch, bloß endlich nach Hause zu kommen, …
Ist das alles vielleicht nicht wahnsinnig ungerecht:
Da habe ich mich jetzt den ganzen Tag lang krumm und lahm geschuftet, bin am Verhungern und todmüde, aber wegen all dieser blöden Rindviecher kann ich nicht mal nach Hause, was essen und ausspannen.

Wenn ich mich in einem sozial bewussteren Modus meiner Standardeinstellung befinde, kann ich mich im Feierabendverkehr natürlich auch aufregen über all diese riesigen, hirnrissigen, straßenblockierenden Geländewagen, Hummer und
12-Zylinder-SUVs, aus deren selbstsüchtigen, verschwenderischen 150-Liter-Tanks die Welt mit Abgasen verpestet wird, und ich kann mich eingehend mit der Tatsache befassen, dass die patriotischen oder religiösen Aufkleber grundsätzlich auf den größten, widerlichsten und egoistischsten Fahrzeugen kleben, in denen die hässlichsten, rücksichtslosesten und aggressivsten Fahrer am Steuer sitzen, die üblicherweise an ihren Handys hängen, während sie anderen den Weg abschneiden, bloß um im Stau zehn Meter weiter vorn zu stehen, und ich kann darüber nachdenken, wie unsere Kindeskinder uns verachten werden, weil wir die ganzen Rohstoffe der Zukunft verplempert und das Klima zerstört haben, und wie verwöhnt, hirnverbrannt, selbstsüchtig und ekelhaft wir alle sind, und wie mir das alles stinkt und so weiter und so fort.

Wissen Sie, wenn ich mich für eine solche Haltung entscheide, kein Problem, die haben ja viele von uns – nur liegt ein solches Denken dermaßen auf der Hand, dass es gar keine Entscheidung sein muss. Ein solches Denken ist meine angeborene Standardeinstellung. Es ist die automatische… Haltung, in der ich die langweiligen, frustrierenden und überfüllten Teile des Erwachsenendaseins erlebe wenn ich auf Autopilot laufe und unbewusst glaube, ich bin der Mittelpunkt der Welt…

Das Dumme ist bloß, dass man solche Situationen offenbar verschieden sehen kann. Nochmal zum Stau und all den Fahrzeugen im Leerlauf, die mir den Weg versperren: Es ist durchaus denkbar, dass manche dieser SUV-Fahrer irgendwann schreckliche Autounfälle erlebt haben und davon dermaßen traumatisiert sind, dass ihre Therapeuten ihnen geradezu verordnet haben, sich große, schwere SUVs zuzulegen, damit sie sich sicher genug fühlen und fahren können; ich kann mich auch mit der Wahrscheinlichkeit befassen, dass alle anderen in der Kassenschlange genauso genervt und frustriert sind wie ich und dass manche von ihnen ein insgesamt schwereres, öderes oder leidvolleres Leben führen als ich. Und so weiter.

Noch einmal: Bitte glauben Sie nicht, ich wollte hier den Moralapostel spielen oder behaupten, Sie sollten so denken, oder irgendjemand würde von Ihnen erwarten, automatisch so zu handeln, denn das ist schwer, es kostet Mühe und Selbstüberwindung,
und wenn Sie mir ähnlich sind, dann schaffen Sie das an manchen Tagen nicht oder wollen es schlicht und einfach nicht.

An den meisten Tagen, an denen Sie aufmerksam genug sind und die Wahl haben, können Sie sich aber entscheiden, die fette, aufgebrezelte Frau, die in der Supermarktschlange gerade ihr Kind angeschnauzt hat, mit anderen Augen zu sehen — vielleicht ist sie sonst nicht so; vielleicht hat sie gerade drei Nächte lang nicht geschlafen, weil sie ihrem an Knochenkrebs sterbenden Mann die Hand gehalten hat; vielleicht hat genau diese Frau auch den unterbezahlten ]ob im Straßenverkehrsamt und hat gestern erst Ihrem Mann geholfen, durch einen kleinen Akt bürokratischer Güte einen albtraumhaften Papierkrieg zu beenden.

Das alles ist natürlich unwahrscheinlich, deswegen aber nicht unmöglich — es hängt nur alles von Ihrer Perspektive ab …
…wenn Sie gemäß Ihrer Standardeinstellung operieren wollen, dann werden Sie wahrscheinlich wenig über Alternativen nachdenken, die nicht sinnlos sind und nerven. Wenn Sie aber wirklich zu denken gelernt haben und aufmerksam sein können, dann wissen Sie, dass Sie eine Wahl haben. Dann steht es in Ihrer Macht, eine proppenvolle, heiße und träge Konsumhölle als nicht nur sinnvoll, sondern heilig anzusehen.

 

Im Vollsinn des Wortes wahr ist nur, dass es Ihre Entscheidung ist, wie Sie die Dinge sehen wollen. Und das, behaupte ich,  die Freiheit wahrer Bildung, der Selbsterziehung zur Anpassung: Es wird Ihre bewusste Entscheidung, was Sinn hat und was nicht. Sie entscheiden, was Sie glauben.

Es gibt nämlich noch eine Wahrheit. In den alltäglichen Grabenkämpfen des Erwachsenemdaseins gibt es keinen Atheismus.
Es gibt keinen Nichtglauben.
Jeder betet etwas an, aber wir können wählen, was wir anbeten.
Und es ist ein äußerst einleuchtender Grund, sich dabei für einen Gott oder ein höheres Wesen zu entscheiden —
ob das nun Jesus ist, Allah, Jahwe, die Wicca-Göttin, die vier edlen Wahrheiten oder eine Reihe unantastbarer ethischer Prinzipien -,
denn so ziemlich alles andere, was Sie anbeten, frisst Sie bei lebendigem Leib auf.

Wenn Sie Geld und Güter anbeten — wenn hierin für Sie der wahre Sinn des Lebens liegt — dann können Sie davon nie genug kriegen. Nie das Gefühl haben, Sie hätten genug. Das ist die Wahrheit.

Wenn Sie Ihren Körper, die Schönheit und erotische Reize anbeten, dann werden Sie sich immer hässlich finden, und wenn sich Zeit und Alter bemerkbar machen, werden Sie tausend Tode sterben, bevor man Sie dann wirklich unter die Erde bringt.

Wenn Sie die Macht anbeten, werden Sie sich schwach und ängstlich fühlen und immer mehr Macht über andere brauchen, um die Angst in Schach zu halten.

Wissen Sie, das Heimtückische an diesen Formen der Anbetung ist nicht, dass sie böse oder sündhaft wären, sondern dass sie so unbewusst sind.

Sie sind Standardeinstellungen.

Sie sind Glaubensformen, in die man nach und nach einfach so hineinschlittert, jeden Tag ein bisschen mehr; man wird immer wählerischer bei dem, was man sieht und wie man Wert beurteilt, ohne eigentlich wahrzunehmen, dass man genau das tut,
und die sogenannte wirkliche Welt hält einen auch nicht davon ab, gemäß diesen Standardeinstellungen zu operieren, denn die sogenannte wirkliche Welt der Männer, des Geldes und der Macht läuft wie geschmiert dank dem Öl aus Angst, Verachtung, Frustration, Gier und Selbstverherrlichung.

Unsere heutige Kultur hat der spezifischen Nutzung dieser Kräfte außerordentlichen Reichtum, Komfort und individuelle Freiheit zu verdanken. Nämlich die Freiheit für jeden von uns, Herrscher seines winzigen, schädelgroßen Königreichs zu sein,
allein im Mittelpunkt der Schöpfung, diese Art Freiheit hat vieles, was für sie spricht.

Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag.

Das ist wahre Freiheit.

Das heißt es, Denken zu lernen.

Die Alternative ist die Gedankenlosigkeit, die Standardeinstellung, die Tretmühle .

Ich weiß, dass das alles nicht so witzig, flott und inspirierend klingt, wie zentrale Thesen von Abschlussreden klingen sollten. Soweit ich sehe, ist es aber die Wahrheit, bei der jede Menge rhetorischer Schnickschnack weggeschnippelt worden ist. Davon können Sie natürlich halten, was Sie wollen. Aber tun Sie es bitte nicht als Moralpredigt mit erhobenem Zeigefinger ab. Es geht hier nicht um Moral, Religion, Dogmen oder wichtigtuerische Überlegungen zum Leben nach dem Tod.

Die Wahrheit im Vollsinn des Wortes dreht sich um das Leben vor dem Tod.
Sie dreht sich um die Frage, wie man dreißig oder sogar fünfzig Jahre alt wird, ohne sich die Kugel zu geben. Sie dreht sich um den wahren Wert wahrer Bildung, die nichts mit Noten oder Abschlüssen, dafür aber alles mit schlichter Offenheit zu tun hat — Offenheit für das Wahre und Wesentliche, das sich vor unser aller Augen verbirgt, sodass wir uns immer wieder daran erinnern müssen:

»Das hier ist Wasser‚«

»Hinter diesen Eskimos steckt vielleicht viel mehr«

Es ist unvorstellbar schwer‚ tagein, tagaus bewusst und erwachsen zu leben.

Und das bedeutet, dass noch ein Klischee wahr ist:
Wir lernen wirklich fürs Leben – und die Ausbildung geht jetzt erst los.

Ich wünsche Ihnen weit mehr als Glück.

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