Episch und mythisch – die Philippsburger Eigenproduktion „Gilgamesch“ Reviewed by Momizat on . Uruk. Die Stadt am Euphrat. Etwa zwischen 3500 und 2800 Jahre vor Christus. Eine gewaltige Stadt. Zähl- und Maßsysteme haben sie und die Schrift. Vielleicht hab Uruk. Die Stadt am Euphrat. Etwa zwischen 3500 und 2800 Jahre vor Christus. Eine gewaltige Stadt. Zähl- und Maßsysteme haben sie und die Schrift. Vielleicht hab Rating: 0

Episch und mythisch – die Philippsburger Eigenproduktion „Gilgamesch“

Uruk. Die Stadt am Euphrat. Etwa zwischen 3500 und 2800 Jahre vor Christus. Eine gewaltige Stadt. Zähl- und Maßsysteme haben sie und die Schrift. Vielleicht haben sie die dort erfunden. Und vieles auf Tontäfelchen dokumentiert.

Philippsburg. Liegt am Rhein. 2017. Eine große Stadt. Einen Campus haben sie und die gewaltige Theatertradition des Gymnasiums. Vor zwei Jahren spielten sie den Klassiker Nora, dann bauten sie hier den Struwwelpeter um und machten Big Bauz – jetzt also Gilgamesch. In Uruk haben sie viel erfunden, in Philippsburg erfinden sie das alte Epos vom Gottkönig Gilgamesch und seinem Freund Enkidu neu. Aus uralten mesopotamischen Steintäfelchen hat der Regisseur wieder Ton werden lassen, den sein Ensemble und er wieder formen konnten. Aus der Keilschrift ließen sie lebendige Sprache werden und versetzten das fremd anmutende Epos mitten hinein in die Gegenwart.

Gilgamesch ist so groß, dass gleich drei Schauspieler ihn ausfüllen. Emilia Steiner, Soukayna Jriou und Philipp Bartmann verleihen ihm nicht nur drei Gesichter, auch drei Stimmen und Tonlagen bringen die Schüler der Kursstufe ein. Yasar Disibeyaz wird aus Ton geformt und wird zu Enkidu. Ann-Marie Fehling (10), eine Dienerin der Ischtar, haucht ihm nicht das Leben ein, sie flößt es ihm ein. Wasser und Ton/Erde, zwei Elemente, mit denen der Regisseur und Drehbuchautor, Dr. Andreas Zinn, in den 90 Minuten immer wieder spielen wird. Wasser gibt Leben, aber es kann auch Leben nehmen. So, als Gilgamesch es inmitten des Stückes dürstet, als er das Meer überfährt und gegen dieses Element kämpft, wenn er als ein Flüchtling an fremden Gestaden dann angelangt ist und am Ende neugeboren wird, als er symbolisch sein Haupt untertaucht.

 

Impressionen von Herrn Gaudig und Stefan Kirstätter:

Mitschnitt der Aufführung (Zusammenstellung) von Herrn Dr. Zinn:

 

 

 

Ja, es gab am 10. Und 11. März 2017 sehr viel zu sehen und zu entschlüsseln. Das grandiose Bühnenbild fing ein. Immer wieder Schatten, Stoffbahnen, helles Licht, abgemildertes Licht – konzentriertes Licht. Immer den Fokus auf das Stück. Immer das Spiel im Mittelpunkt. Alles unterstützte, nichts war Selbstzweck.

So enthüllen die Masken mehr, als sie verdecken. Die Frisuren der Schauspieler erinneren bisweilen an Punk, dann wieder sind sie nach hinten geölt. Konsequent tragen Weiß und Schwarz den Gegensatz fort und durch die 90 Minuten, während die Kostüme zwischen diesen Polen changieren und mit ihrer Erdigkeit eine Melange schaffen, die das Fremdartige im Bekannten greifbar macht. Hier spült die Sintflut keinen weg, hier schafft sie etwas Neues und Großes.

Gilgamesch gelangt nach dem Tod seines Freundes Enkidu  zu Uta-napischti, zurückhaltend furios von Lukas Schreiner (KS2) gespielt. Der altorientalische „Noah“ weist die Schattenseiten der Unsterblichkeit aus. Immerhin bietet er dem einstmals übergroßen, nun nach viel Leid auf menschliches Maß geschrumpften Gilgamesch die Rückkehr zu dessen Jugend an. Doch der wählt den Tod und taucht symbolisch ein – in eine Schüssel Wasser.

Dann Schweigen und Stille. Zuerst begreift man nicht, dass das Stück vorüber ist, so tief ist man selbst in diese fremde, doch so bekannte Welt eingetaucht. Applaus. Lang anhaltend und laut, dass er auch die alten Sumerer hätte aufwecken können. Mehrere Vorhänge, wobei die Leistungen aller angemessen gewürdigt werden. In der Mitte ein glücklicher Regisseur, der alle über die ihnen bisher bekannten Grenzen geführt hat. Eine Art Uta-napischti? Ein Noah? Die Augen leuchten und das Ensemble strahlt. (ki)

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